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Vom Boßeln, Klootschießen und „platten“ Amtseiden

Helfried Goetz. Foto: privat

Er lernte noch Steno und Schreibmaschine. Trat im Kampfanzug zum Vorstellungsgespräch an. Helfried Goetz, Jahrgang 1971 – ein stolzer Ostfriese. Der Absolvent der VWA Leer leistete als erster Bürgermeister seinen Amtseid auf Plattdeutsch. Der Verwaltungschef von Friedeburg (Landkreis Wittmund) boßelt und ist sogar Europameister im Klootschießen.

Einsilbig ist der Mann nicht. Im Gegenteil: Als seine Stenografie-Kenntnisse noch frisch waren, schaffte Helfried Goetz 80 Silben die Minute – das ist Sprechtempo. Steno geht fast 30 Jahre später nur noch rudimentär.

Goetz ist mit Leib und Seele Ostfriese. Ist in Friedeburg, Landkreis Wittmund, geboren. Die Eltern hatten eine Landwirtschaft. Helfried war der Älteste. Also war der Berufsweg klar. Eigentlich. Doch in den späten 1980er-Jahren stand die Agrarwirtschaft am Scheideweg.

Deshalb setzte Goetz auf die Karte „Verwaltungsfachangestellter“. Er bewarb sich in seiner Heimatgemeinde, hatte sofort Erfolg. Merkte schon während der Ausbildung: „Das war mein Glücksfall, der richtige Weg.“

Am Tag, als er fertig war, lag die Einberufung zum Wehrdienst im Briefkasten. Beim Bund erwog er, zu verlängern: „Damals waren in der Verwaltung nach der Ausbildung Halbjahresverträge üblich. Deshalb endete meiner während der Zeit bei der Bundeswehr.“ Just da gab’s ein Angebot des Friedeburger Personalchefs. Man habe eine Stelle. Ob er nicht zurückkehren wolle?

Und ob! Weil aber die Zeit drängte, marschierte Gefreiter Helfried im olivgrünen Kampfanzug ins Vorstellungsgespräch.

Das schadete nicht. Zunächst arbeitete Goetz im Steueramt, dann hatte er den Gemeindehaushalt unter seinen Fittiche. „Finanzen war immer schon mein Ding.“

2000 legte er seine zweite Angestelltenprüfung ab – seine Billett zum gehobenen Dienst. Dafür studierte er drei Jahre nebenberuflich.

Kaum geschafft, wollte er noch mehr: „Das konnte ja nicht alles gewesen sein.“ Nun hatte er schon in den 1990er-Jahren ein Auge auf die VWA Leer geworfen. Er kannte Führungskräfte, die dort studierten. „Das kaufmännisch und verwaltungsorganisatorisch ausgeprägte Studium dort reizte mich.“ Doch Voraussetzung dafür war damals eben jene A2-Prüfung. Die hatte er nun, begann also 2004 sein Studium.

Charmant sei gewesen, dass er sein neues theoretisches Wissen gleich im Berufsalltag ausprobieren konnte. „Meist sprach ich das vorher mit den Vorgesetzten ab. Manchmal machte ich es aber auch einfach...“ Das habe ihn weitergebracht und den Stoff, sein volks- und betriebswirtschaftliches Wissen, gefestigt.

Davon zehre er heute noch: „Ich weiß mit ‚abnehmenden Ertragszuwachs’ was anzufangen. Kann deshalb nicht nur mit Landwirten, sondern auch mit Kaufleuten auf Augenhöhe diskutieren.“

Zudem erweise sich das methodische Können, das er sich bei der VWA angeeignet habe, als enormer Mehrwert: „Gelernt zu haben, wie man lernt. Wie man sich Wissen aneignet, das in den Kopf bringt.“ Auch die hohe Disziplin, die dafür nötig war, habe er sich bewahrt.

Nach seinem Abschluss 2007 fühlte er sich fit für Neues. Goetz wechselte ins Landratsamt nach Wittmund. Kümmerte sich um den Haushalt, die Organisation, das Verwaltungsmanagement – für sieben Jahre.

Dann blies er zum Sturm aufs Friedeburger Rathaus, ließ sich als parteiloser Kandidat fürs Bürgermeisteramt aufstellen. Feierte mit 82 % aller Stimmen einen rauschenden Wahlsieg.

Als bisher einziger Bürgermeister sprach er seinen Amtseid auf platt. Um Tradition und den Stolz auf die Heimat weiterzutragen, „gehört auch dazu, die eigene Sprache zu pflegen“. Es bedurfte für den „platten“ Amtseid allerdings der Genehmigung des niedersächsischen Innenministeriums.

Den Bürgermeister bewegen ihn drei Aufgaben: Er ist Verwaltungschef für 130 Mitarbeiter, „vom studierten Ingenieur bis zur unverzichtbaren Hilfskraft, der Köchin in der Schule“.  

Dann sei er Politiker, „mit allem, was dazu gehört“. Goetz treibe immer um, wie man die Orte lebensfähig, wie man junge Leute halten kann „oder zumindest dafür sorgt, dass sie – gut ausgebildet – wieder zurückkommen“.

Seine Flächengemeinde Friedeburg hat zwölf Ortsteile. Dort pflegt man die Kronjuwelen – jene Identität in der Dorfgemeinschaft. Das bedeutet auch, dass jeder „seinen“ Boßelverein hat.

Selbstverständlich pflegt Goetz DAS ostfriesische Nationalspiel, das „Straßenkegeln“. Obendrein ist er begeistert vom Klootschießen, einer anderen sportlichen Tradition. Mit seinen Klootkugel-Kumpels wurde er zweimal Europameister – 2008 in Irland und 2012 in Italien.

Und schließlich ist Helfried Goetz das „Gesicht“ seiner Einheitsgemeinde, der Repräsentant. Heißt, er gibt Geburtstagskindern und goldenen Hochzeitspaaren die Ehre, eröffnet Orts-, Volks-, Feuerwehr- und sonstige Feste. Selbstverständlich auch Kaninchenschauen. Bei der jüngsten assistiert ihm übrigens Niedersachsen Wirtschaftsminister. Nicht, weil Friedeburg zum deutschen Mekka der Mümmelmänner wird.

Vielmehr wohnt Olaf Lies im Nachbarort. Ostfriesen sind eben überall, aber vor allem „Daheim“ – „to huus“, wie man hier sagt.

(c) Rainer Aschenbrenner, Gotha, 23. August 2016