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Wer was wird, wird Betriebswirt

Jürgen Roth. Foto: privat

Tuningen in Baden-Württemberg. Knapp unter 3.000 Einwohner hat die Gemeinde im Schwarzwald-Baar-Kreis. Seit 2003 ist Jürgen Roth deren Bürgermeister. Der Absolvent der VWA Freiburg ist gebürtig aus Villingen-Schwenningen, das gut 10 km nordwestlich liegt. Tuningen – ein Gemeinwesen wie aus dem baden-württembergischen Bilderbuch. Nicht zuletzt schuldenfrei. In der Sache stapelt dann Rathauschef Roth auch gern tief: „Wir kommen zurecht.“ 

Roth, Jahrgang 1963, hörte auf seine Eltern und deren Berufsempfehlung. Nach der Realschule bewarb er sich in der Stadtverwaltung Villingen-Schwenningen für den mittleren Dienst. Der Name „Roth“ war da geläufig – sein Vater chauffierte zu jener Zeit Oberbürgermeister Dr. Gerhard Gebauer.

So startete Jürgen mit 16 seine berufliche Karriere. Machte 1981 an der Verwaltungsschule in Au seinen Abschluss, wurde ins Beamtenverhältnis übernommen. Für zehn Jahre war dann das Baurechtsamt sein Revier. 

Schon damals schien er des Lernens nicht überdrüssig – legte in dieser Zeit die Angestelltenprüfung II in Karlsruhe für den gehobenen Dienst ab. „Aber ich musste darum kämpfen“, erinnert er sich. Der Formalia oder eines gewissen Dünkels wegen: Ein Beamter besuche keine Angestelltenlehrgänge, habe zunächst der Personaler befunden. Roth blieb hartnäckig. Aber es bedurfte tatsächlich einer Einzelverfügung durch OB Gebauer, damit er sein Etappenziel erreichen konnte.

Doch trotz der Befähigung in der Tasche, eröffnete sich keine Perspektive in der Heimatstadt. Die bot sich woanders. So wurde er Abteilungsleiter und zuständig für die Wohnheime beim Studentenwerk Konstanz. „Eine tolle Zeit war das.“

Noch mehr Verantwortung verhieß danach die Leitung des Kirchengemeindeamtes der evangelischen Kirche in Villingen-Schwenningen. Roth begleitete, gestaltete dessen Entwicklung zu einem Verwaltungszweckverband.

Immer offen für Neues, wurde ihm dann noch zusätzlich die Geschäftsführung zweier Sozialstationen übertragen. 

Irgendwann lenkte eines seiner Vorstandsmitglieder seine Aufmerksamkeit auf die vakante Stelle im Rathaus zu Tuningen. Der kommunalpolitisch eher unbeleckte Jürgen Roth schaffte es bei sechs Mitbewerbern in die Stichwahl – und obsiegte. „Nicht zuletzt, weil es kurz vor der Wahl einen regelrechten Stimmungswechsel gab. Leute, denen man was zutraute, die Respekt genossen, hatten sich in einer Postwurfsendung für mich ausgesprochen: ,...und wenn es auch das erste Mal ist – Wir wählen Roth!’“

Seit nunmehr 14 Jahren führt er die Geschäfte in „seinem“ Tuningen. Wesentlicher Faktor für sein offensichtlich geschicktes und erfolgreiches Handeln: Roth schätzt Kooperation, Netzwerkarbeit. 

Damit bekannt wurde er, „weil ich manchmal so Phasen habe, da brauche ich Herausforderungen für meinen Kopf.“ So war das, als er in Konstanz arbeitete. „Komm’, jetzt guggschte ma die VWA an...“ Die offerierte nämlich schräg gegenüber, keine 50 m entfernt, in der Uni ihre Angebote. Ein Semester testete er sich und die VWA. Weil dann aber aus beruflichen Gründen wieder ein Wechsel anstand, nahmen beide eine Auszeit bis 1993. Das Abenteuer VWA habe er allerdings auch deshalb angefangen, „da ich tief im Innersten mit mir haderte, dass ich kein Abi gemacht hatte.“

Beim zweiten Anlauf fügte sich dann alles zu einem glücklichen Ende, sprich: zum Abschluss als Betriebswirt. Und genau jene Tage damals entfachten auch seine Begeisterung fürs Netzwerken. Von dem er seither nicht mehr lassen kann. 

Dass das generalistische VWA-Studium ihm betriebswirtschaftliches Grundlagenwissen vermittelt habe, nutze ihm darüber hinaus jeden Tag in seiner Bürgermeisterei. „Das war schon so, als ich die Sozialstationen leitete, sie deshalb aus den roten Zahlen holen konnte.“ Gehe es um Details, setze er auf seine Spezialisten wie die Kämmerin. Denn Erfolge seien immer Erfolge des Teams. Davon ist Jürgen Roth überzeugt.

Und selbst jenes Ziel, was Roth seit langem schon anstrebt, aber bisher noch nicht erreichte, lässt sich letztlich nur „in Kooperation“ und als Teamwork umsetzen: „Ich bemühe mich von Anfang an, dass Tuningen die 3.000er Einwohnergrenze überschreitet.“ Das aber kann auch der pfiffigste Bürgermeister kaum bewerkstelligen – es sei denn, er ließe öfter mal den Strom abstellen ... 

(c) Rainer Aschenbrenner, Gotha, 15. März 2017